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Haie – vom Jäger zum Gejagten

Great white shark

Haie – vom Jäger zum Gejagten

Ein Jahrmillionen altes ökologisches Erfolgsmodell vor dem Aussterben

Die Nachricht ging um die Welt: Westaustralien eröffnet die Jagd auf Haie! Die Regierung Westaustraliens mit Premier Colin Barnett will in den nächsten vier Jahren rund 20 Mio. US-Dollar ausgeben, um die Zahl von Haiangriffen auf Menschen zu reduzieren. Nach sechs Angriffen durch Haie auf Surfer und Badegäste innerhalb der letzten zwei Jahre sollen nun alle Haie mit einer Körperlänge über drei Metern, die sich in küstennahen Gewässern vor Westaustralien aufhalten, getötet werden. Fischer sollen gezielt auf die Jagd nach Haien gehen und zudem mit beköderten Haken versehene Fangleinen (sog. Drum lines) zur Strecke gebracht werden. Ziel der Tötungsaktion ist u. a. auch der Weiße Hai (Carcharodon carcharias), der durch Horrorfilme wie Steven Spielbergs „Jaws“ zu trauriger Berühmtheit als das Monster schlechthin gelangte – und der heute infolge jahrzehntelanger Verfolgung sowie kommerzieller und illegaler Fischerei als bedroht gilt (Status „Vulnerable“ nach der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN). Die Biologie des Weißen Haies ist, wie die fast aller Haiarten, nur unzureichend untersucht. Man weiß jedoch, dass die Art eine besonders langsame Fortpflanzung aufweist. Eine weitere Intensivierung der Jagd auf den Weißen Hai könnte die verbleibende Population von weltweit geschätzten weniger als 3.500 Exemplaren endgültig zusammenbrechen lassen. Auch aus anderen Gründen sind die geplanten Fangaktionen und –methoden heftig  umstritten. Naturschutzorganisationen beklagen nicht nur, dass die westaustralische Regierung 15 Konventionen der Vereinten Nationen verletzt. Frühere ähnliche Tötungsaktionen, z. B. vor Hawaii in den 60er und 70er Jahren, wo 4.700 Haie erlegt wurden, haben meist keine messbare Reduzierung der Zahl von Haiangriffen bewirkt. Zudem werden durch den Einsatz der Fangleinen 5-mal häufiger andere, harmlose und zumeist stark bedrohte Meerestiere wie Kleinwale, Delphine und Meeresschildkröten gefangen als Haie. Zudem bestehe die Gefahr, dass durch die Köder sowie durch bereits getötete Haie, die wieder ins Meer geworfen werden, weitere Haie in Küstennähe gelockt werden, so die Einschätzung von Wissenschaftlern und Naturschutzorganisationen.

Die Legende vom Monster: Betrachtet man die Statistik, stellt sich die Frage: wer ist das wahre Monster? Die Wahrheit ist: zwischen 5 und 15 Menschen sterben jährlich durch Haiangriffe. Von den weltweit über 350 Haifischarten sind die meisten harmlos. Mehr als zwei Drittel aller Angriffe gehen auf das Konto von drei Arten: dem Weißen Hai, dem Tigerhai (Galeocerdo cuvier) und dem Bullenhai (Carcharhinus leucas). Die Bilanz des Menschen hingegegen: er tötet 11.417 Haie – pro Stunde! Das sind über 100 Mio. Haie pro Jahr! Die meisten werden wegen der in ostasiatischen Ländern beliebten Haifischflossen-Suppe abgeschlachtet. Bei dem besonders grausamen Finning werden den Tieren dabei, oft bei dem lebendigen Leib die Brust- und Rückenflossen abgeschnitten und die Tiere dann meist zurück ins Meer geworfen, wo sie elendig verenden.

Besonders aktuell und erschreckend ist die kürzliche Entdeckung ganzer Hai-Schlachthäuser in der Volksrepublik China. Das Schockierende: hier werden vor allem die stark bedrohten, große Haiarten geschlachtet: der Walhai (Rhincodon typus), ein friedlicher Planktonfresser und der mit bis zu 18 m Länge größte Fisch der Erde; dazu der bis zu 10 m lange Riesenhai, ebenfalls ein Planktonfresser (Cetorhinus maximus), und der Weiße Hai. Aufgedeckt und bestätigt wurde dies u. a. durch DNA-Analysen durch eine US-amerikanische Naturschutzorganisation.

Aufgrund dieser gnadenlosen Verfolgung stellen Haie heute die größte bedrohte Gruppe mariner Organismen dar. Obwohl die Bestände der verschiedenen Arten aufgrund oft langsamer Fortpflanzungszyklen sehr anfällig für Überfischung sind und um etwa 90 Prozent in den letzten 50 Jahren abgenommen haben, unterliegt nur der Handel mit Produkten von Wal-, Riesen- und Weißem Hai internationalen Schutzbestimmungen. Problematisch ist zudem, dass Millionen von Haien, die als Beifang von Trawlern und Langleinenfischern ins Netz gehen, oft nicht in den Fangstatistiken auftauchen. Dies erschwert maßgeblich ein akzeptables Management des Haifischfangs.

Eine Welt ohne Haie: Die Frage taucht auf: was sind Folgen für das Ökosystem Ozean, wenn das Abschlachten von Haien, ob für Flossen, als Beifang, für „Schillerlocken“, Hai-Öl oder andere Haiprodukte weitergeht und schließlich zum Aussterben vieler Haiarten führt? Seit 400 Mio. Jahren durchstreifen Haie die Weltmeere. Sie stellen damit ein ökologisches Erfolgsmodell dar, das weit länger als die Dinosaurier existiert hat und zum Funktionieren der marinen Lebensgemeinschaften beiträgt. Als sog. „Top-Räuber“ stehen Haie am Ende der Nahrungskette, und steuern so die für das ökologische Gleichgewicht maßgebliche Regulation ihrer Beutepopulationen. Räuberische Haiarten erbeuten Robben, andere Fische, aber auch Wirbellose (z. B. Mollusken). Damit üben sie einen Kaskaden-artigen Effekt innerhalb der marinen Nahrungsnetze aus. Ihre Beutepopulationen wachsen dadurch nicht ungebremst an, was wiederum den Druck auf die unteren Ebenen der Konsumenten-Ketten innerhalb des Ökosystems reguliert. Damit gewährleisten die Top-Räuber den Erhalt der Vielfalt der Lebensgemeinschaft. Darüber hinaus wirken Haie als „Gesundheits-Polizei“ der Meere, da sie vornehmlich die kranken und schwachen Individuen ihrer Beutepopulationen fressen. Auch schon die abschreckende Wirkung der Präsenz von Haien kann bewirken, dass sich in bestimmten Regionen nicht zu viele Individuen der Beute (z. B. Robben) ansiedeln, und somit eine Übernutzung der Ressourcen der Beuteart verhindert wird. Diese Wechselwirkungen wurden z. B. verdeutlicht durch vergleichende Studien vor den Hawaii-Inseln. Die marinen Ökosysteme verändern sich dramatisch, wenn die Hauptbeutegreifer fehlen. Während in den vom Menschen gering beeinflussten Gebieten Top-Räuber den größten Anteil der Fischbiomasse ausmachen und die Balance zwischen dem Anteil der untergeordneten, kleinen Raubfische (die Beute der Haie) und der herbivoren Fische (die Beute kleinerer Raubfische) herstellen und damit das ökologische Gleichgewicht der Korallenriffe gewährleisteten, fehlen die Top-Räuber in den durch den Menschen stark überfischten Regionen. Die Folge: eine völlige Verschiebung der Biomasseanteile der verschiedenen trophischen Ebenen. Mehr Druck auf herbivore Fische durch deren Feinde, die kleinen Raubfische, hat eine verstärkte Vermehrung von Makroalgen zur Folge haben. Ganze Riffe werden durch Algen überwuchert. Solche Beispiele finden sich in vielen Regionen, ob vor Haiwaii oder in der Karibik. Wie sich das Fehlen großer Haie auswirkt, konnten auch Untersuchungen vor der Ostküste der Vereinigten Staaten zeigen: die Anzahl an großen Haiarten (über 2 m Länge) sank dort um 50-75 Prozent in den letzten 15 Jahren. Die Folge: eine starke Vermehrung kleinerer Räuber, insbesondere Rochen. Rochen können in großer Anzahl nicht nur Seegraswiesen schädigen, und damit die Kinderstube vieler Fischarten. Da sie sich von Muscheln und anderen bodenlebenden Meeresorganismen ernähren, hatte ihre Zunahme ein dramatisches Einbrechen der Kammmuschelpopulationen zur Folge. Um den Nahrungsmangel zu kompensieren, wechselten die Rochen zu anderen Beutearten wie Austern. Als Folge brach die Muschelfischerei an diesen Küsten zusammen. Das Fehlen von Muscheln bedeutet jedoch nicht nur ökonomischen Schaden. Muscheln sind wichtige Filtrierer, die die Algen-, Schweb- und Schadstoffbelastung verringern. Das Fehlen der Muscheln hat somit eine erhöhte Algenblüte in den ohnehin oft überdüngten Küstenregionen zur Folge, verringert die Wasserqualität, entzieht dem Wasser Sauerstoff und lässt sog. Todeszonen entstehen. Das Ökosystem ist durch das Fehlen der Haie als Top-Räuber völlig aus den Fugen geraten, und weitere Arten verschwinden. Haie wirken auch als „Ökosystemingenieure“, indem sie das Verhalten ihrer Beute beeinflussen. Wissenschaftliche Modelle für die Küsten Alaskas haben gezeigt, dass Seehunde (Phoca vitulina) aufgrund der Präsenz von Schlafhaien (Somniosus pacificus) tiefere Regionen und somit das Risiko meiden, und eher auf Jagd nach Heringen nahe der Oberfläche gehen. Fehlen die Haie, so jagen die Seehunde verstärkt den in größeren Tiefen schwimmenden Alaska-Seelachs (Theragra chalcogramma). Das ökologische Gleichgewicht verschiebt sich entscheidend – mit unabsehbaren Folgen, auch für die Fischerei. All diese Bespiele zeigen: vernichtet der Mensch die Top-Räuber der Ozeane, reißt er eine nicht zu kompensierende Lücke in die Nahrungsnetze der marinen Ökosysteme – und zerstört damit auch seine eigene Lebensgrundlage. Kommt es zum Kollaps der marinen Lebensgemeinschaften, so verschwinden auch die ohnehin schon übernutzten Fischbestände – und damit die wichtigste Proteinquelle für Milliarden von Menschen.

Am 27. Januar erschossen australische Fischer im Zuge der von der Regierung ausgerufenen Jagd den ersten Hai, ein gesundes, 3 m langes Tigerhai-Weibchen. Seitdem jedoch mehren sich die Proteste durch die Bevölkerung mit Demonstrationen an den Stränden Westaustraliens gegen die äußerst fragwürdigen Tötungsaktionen. Es bleibt jedoch nicht mehr lange Zeit zum Umdenken. Die Menschheit ist auf dem besten Wege, eines der ältesten und effizientesten Räubermodelle, die die Evolution je hervorgebracht hat, zu vernichten.

Quellen:

Friedlander, A.M. and DeMartini, E.E. (2002). Contrasts on density, size, and biomass of reef fishes between the northwestern and the main Hawaiian islands: the effects of fishing down apex predators. Marine Ecology Progress Series 230: 253-264.

Frid, A., Baker, G.G., and Dill, L.M. (2007). Do shark declines create fear-released systems? Oikos 1-13.

Myers, R.A., Baum, J.K., Shepherd, T.D., Powers, S.P., and Peterson, C.H. (2007). Cascading effects of the loss of apex predatory sharks from a coastal ocean. Science 315: 1846-1850.

Ferretti, F., Worm, B., Britten G.L., Heithaus, M.R., Lotze, H.K. (2010). Patterns and ecosystem consequences of shark declines in the ocean. Ecology Letters 13: 1055–1071.

 

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