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Die globale Fischereibilanz – Leerfischen statt nachhaltige Nutzung

Der Blaue Planet – eine Bilanz: Über sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Dabei hängen wir jedoch vorwiegend von den 70 Prozent der Erdoberfläche ab, die durch Ozeane bedeckt sind. Die Ozeane bestimmen nicht nur entscheidend unser Klima. Sie stellen auch unsere größte Nahrungsquelle dar – und Fisch die tägliche Hauptproteinquelle für über 1,2 Milliarden Erdenbürger. Laut des Fischerei-Departments (FAO), der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, zogen die Fischereiflotten im Jahre 2011 knapp 79 Mio. Tonnen Fisch und andere Meerestiere aus den Ozeanen. Zusammen mit den weiteren 11,5 Mio. Tonnen aus Binnengewässern erreichte die Fischerei damit ein neues Rekordniveau. Hinzu kommen weitere knapp 64 Mio. Tonnen aus Aquakultur. Insgesamt also 154 Mio. Tonnen  – noch nie zuvor wurde so viel Fisch gefangen und verbraucht – Fischereiprodukte im Wert von etwa 164 Mrd. EURO! Abgesehen davon, dass Fisch für Küstenbewohner insbesondere in den Ländern Asiens und Afrika Proteinquelle Nr. 1 ist, ist Fisch essen „In“: der Pro-Kopf-Verbrauch stieg zuletzt auf 18,8 kg. Doch auch wenn die riesigen Weiten und Tiefen der Ozeane unerschöpflich erscheinen – die Nahrungsressource Fisch ist begrenzt! 

Fischindustrie: Von den etwa 30.000 Fischarten werden 700 als Zielarten befischt. Die kommerziell wichtigsten sind Kabeljau, Seelachs und Thunfisch. Die Methoden zur Ausbeutung der Fischbestände sind je nach Zielfischart ausgeklügelt und wurden in den letzten Jahrzehnten immer effizienter. Diese umfassen Langleinenfischerei (für die wiederum Köderfische benötigt werden), Fangnetze, die mit ihrer Öffnung von bis zu 23.000 m2 ganze Schwärme und insgesamt bis zu 500 Tonnen Fisch schlucken können. Gefischt wird in bis zu 1.500 m Tiefe. Die Fischfangflotte der EU umfasst 84.000 Schiffe, darunter Trawler mit einer Länge von über 160 m, die pro Tag bis zu 300 Tonnen Fisch aus dem Wasser ziehen können. Da die Fänge aus Nord- und Ostsee und dem Nordatlantik die Nachfrage längst nicht mehr befriedigen können, haben die EU-Staaten zudem Fischereirechte vor afrikanischen Küsten, insbesondere Westafrika, erworben, wo sie mit Trawlern aus Russland, Asien und Nordamerika konkurrieren. In den riesigen schwimmenden Fischfabriken wird der Fisch umgehend verarbeitet und eingefroren. Die Volksrepublik China bezieht den größten Teil der Fänge ihrer Hochseeflotte aus afrikanischen Gewässern.

Kommerzielle Überfischung: Entscheidend für die Zukunft aller Bestände ist die Höhe und Einhaltung der Fangquoten: seit den 80er Jahren erlässt die EU Quoten für den kommerziellen Fischfang. Doch lagen diese fast immer deutlich über den wissenschaftlichen Empfehlungen – und wurden noch dazu in vielen Fällen überschritten. Zudem wurden – und werden – die großen Fischereiflotten subventioniert, wohingegen die küstennahe Kleinfischerei leer ausging. Die Folge: die riesigen Trawler fahren in immer entlegenere Regionen und fischen die Weltmeere leer. Wissenschaftlichen Schätzungen zu Folge haben die Bestände großer Fischarten in den letzten sechzig Jahren um etwa 90 Prozent abgenommen haben. Besonders betroffen sind das Mittelmeer, wo 90% der Bestände überfischt sind, sowie der Nordostatlantik, wo 40% der Bestände als gefährdet gelten. In weniger als fünfzig Jahren könnten nahezu alle befischten Bestände zusammengebrochen sein! Ein Beispiel ist der Rote Thun (auch Großer Thun oder Blauflossen-Thunfisch, Thunnus thynnus), der v.a. im Mittelmeer nach jahrzehntelanger Ringwadennetzfischerei, u.a. mit dem illegalen Einsatz von Suchflugzeugen, vor dem Aussterben steht. Es ist weiter fraglich, ob die Fangbeschränkungen durch die EU den Roten Thun retten können. 2008 empfahlen Wissenschaftler eine Quote von max. 10.000 Tonnen. Doch die EU und andere Nationen legten die Quote auf 29.500 Tonnen – und gefangen wurden am Ende 61.000 Tonnen! 85% des Thuns werden nach Japan geliefert, wo er zu Sushi verarbeitet wird.

Zerstörung der marinen Ökosysteme: Schon die legale, kommerzielle Fischerei, die in der Theorie durch Fangquoten geregelt und staatlichen Kontrollen unterliegen sollte, wirkt sich gravierend auf das Ökosystem Meer aus. Fehlen die Fische, vermehren sich z. B. ihre Beutetiere wie Quallen in einigen Regionen rasant. Wissenschaftler schätzen, dass der Meeresboden durch die Grundnetzfischerei 150mal schneller zerstört wird als der tropische Regenwald! Zu der jahrzehntelangen Übernutzung der Zielfischarten kommt das Problem großer Beifänge an Fischen und anderen Meerestieren, darunter auch gefährdete Arten wie Delfine oder Meeresschildkröten. Der ungewollt ins Netz geratene Beifang wird dann, meist bereits tot, direkt wieder über Bord geworfen werden. Besonders gravierend ist dies bei der Schrimp-Fischerei, bei der die Beifänge in der Größenordnung von 80 bis 90 Prozent liegen.

Ein Beispiel für die bisher mangelhaften Kontrollen der Fischereiquoten zeigt sich auch an dem illegalen sog. „Highgrading“. Nach Zeugenberichten warf ein Trawler 1500 Tonnen Fisch über Bord, weil ihm anschließend ein lukrativerer Fang mit größeren Fischen ins Netz ging.

Ein weiteres globales Problem ist illegale Fischerei. Diese zieht z. B. vor Westafrika Fisch im Wert von 10 Mrd. Euro aus dem Meer und macht 40% des dortigen Fischfangs aus. Man schätzt, dass 10-30% des Fisches, der auf dem europäischen Markt landet, aus dieser Piratenfischerei stammen. Die afrikanischen Marine- und Küstenwacheinheiten sind aufgrund mangelnder Mittel zur Überwachung der Seegebiete hoffnungslos überfordert. Als direkte Folge der Überfischung der westafrikanischen Gewässer fehlt der dortigen Bevölkerung die wichtigste Einnahme- und Proteinquelle, mit allen Folgen wie Unterernährung und Armut.

Wie brutal und profitgierig der Kampf um die letzten großen Fischschwärme geführt wird, zeigten jüngste Berichte von schweren Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen in thailändischen Gewässern, wo sogar nicht mehr benötigte Arbeiter einfach über Bord geworfen wurden!

Chance auf nachhaltige Fischerei: Zum ersten Mal hat die EU in einer Reform nun die Anpassung der Fangquoten an wissenschaftliche Empfehlungen berücksichtigt und verlangt die Reduzierung der Beifangmengen ab 2015. Alle Beifänge sollen dann zumindest zu Fischmehl verarbeitet und nicht nutzlos über Bord geworfen werden. Ob jedoch die europäischen Bemühungen hin zu einer nachhaltigen Fischerei erfolgreich sein werden, bleibt fraglich, solange es keine global festgelegten Fangquoten und Kontrollen gibt. So haben Studien ergeben, dass die Fänge der chinesischen Hochseeflotte, die außerhalb chinesischer Gewässer knapp fünf Mio. Tonnen pro Jahr zwischen 2000 und 2011 fing, systematisch unterschätzt und nicht an die FAO berichtet wurden. Zwar sollen Gütesiegel, wie z. B. das MSC-Siegel, es dem Verbraucher ermöglichen, auf Fisch aus nachhaltiger Fischerei zurückzugreifen. Doch diese Zertifizierungen standen in letzter Zeit zunehmend in der Kritik, da weiterhin zerstörerische Fangmethoden zum Einsatz kamen und eine stichhaltige Kontrolle oft fehlte.

Auch Fisch aus Aquakultur bedeutet nicht gleich nachhaltige Fischerei. Denn fast alle Zuchtfische, wie z.B. der Lachs, sind Raubfische und müssen somit mit minderwertigem Fisch in Form von Fischmehl gefüttert werden. Für die Produktion von einem Kilogramm Lachs benötigt man fünf Kilogramm wildgefangenen Fisch. Hinzu kommen weitere Probleme der Aquakultur wie die hohen Besatzdichten, die den Einsatz von Antibiotika erfordern und das Wasser der Küstengebiete belasten – mit z. T. dramatischen Folgen für die Küstenökosysteme. Zwar zeigen extensive, ökologisch bewirtschaftete Aquakulturen positive Ansätze. Sie können aber bei weitem nicht die gewaltige Nachfrage nach vor allem billigen Fisch stillen. Um die Meere vor dem absoluten Kollaps zu bewahren, ist also nur eine drastische Verringerung und eine weltweite Kontrolle der Fischerei sowie die Ausweisung von Meeresschutzgebieten wirksam. Ein Lichtblick ist da nur der Karpfen (Cyprinus carpio), ein Teichfisch, der sich von Wirbellosen wie Schnecken und Insektenlarven ernährt – und dessen Zucht bei extensiver Bewirtschaftung auch positive Nebeneffekte für den Schutz von Fauna und Flora von Teichlandschaften haben kann.

Quellen:

Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) http://www.fao.org/fishery/sofia/en Zugriff: 2014-01-10

http://future.arte.tv/de/fisch Zugriff: 2014-01-10

http://www.ocean2012.eu/ Zugriff: 2014-01-10

Daniel Pauly, Dyhia Belhabib, Roland Blomeyer, William W. W. L. Cheung, Andrés M.

Cisneros-Montemayor, Duncan Copeland, Sarah Harper, Vicky W. Y. Lam, Yining Mai, Frédéric Le Manach, Henrik Österblom, Ka Man Mok, Liesbeth van der Meer, Antonio Sanz, Soohyun Shon, U Rashid Sumaila, Wilf Swartz, Reg Watson, Yunlei Zhai and Dirk Zeller (2013). China’s distant-water fisheries in the 21st century. Fish and Fischeries. doi: 10.1111/faf.12032

 

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