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Artenschutz in der Krise – Abverkauf der Nashörner? 

Ein neues Jahr – und vieles soll besser werden, auch im Artenschutz. Doch der Blick auf die vergangenen Jahre macht wenig Hoffnung. Viele Tier- und Pflanzenarten, ob nun Walrösser (Odobenus rosmarus) und Eisbären (Ursus maritimus) in der abschmelzenden Arktis, der nordamerikanische Monarchfalter (Danaus plexippus), oder Rosenholzbestände (Dalbergia sp.) in den letzten Urwäldern Madagaskars (nachhaltigwissen.de berichtete) bleiben von den durch den Menschen verursachten globalen Veränderungen und der zunehmenden Ausbeutung auch der entlegensten Regionen nicht verschont.

Illegaler Wildtierhandel – ein Milliarden-Business

Der illegale Handel mit Wildtieren oder Wildtierprodukten ist nach Drogen-, Waffen- und Menschenhandel das viertgrößte illegale Geschäft der Welt. Er wird auf 15 bis 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt – und dient auch Terrororganisationen als wichtige Finanzierungsquelle. Ein besonders tragisches Beispiel für die Misere im weltweiten Artenschutz ist die aktuelle Wilderei-Krise Afrikas. Schien die akute Gefahr in einigen Ländern Afrikas im Laufe der 90er Jahre durch das Verbot des Elfenbeinhandels, intensive Schutzbemühungen und Wiederansiedlungsprojekte gebannt, so weitete sich die Krise in den letzten Jahren wieder zu einem wahren Abschlachten aus.

Nicht nur, dass durch die Bevölkerungsexplosion Afrikas der Raum für die meisten Arten knapp wird und die Großsäuger nur noch in Nationalparks und Schutzgebieten Zuflucht finden. Durch die starke Nachfrage insbesondere in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern Asiens hat die Wilderei nach Elefanten-Elfenbein und Nashorn desaströse Ausmaße angenommen. Über 100.000 Elefanten fielen der Wilderei in den letzten 3 Jahren zum Opfer – das sind über 90 getötete Elefanten pro Tag! Setzt sich dieser Trend fort, ist das Schicksal der noch etwa 430.000 afrikanischen und 50.000 asiatischen wildlebenden Elefanten in wenigen Jahren besiegelt.

Nashörner –die imposanten Kolosse stehen am Abgrund

Noch eher als die Elefanten könnte dieses Schicksal die Nashörner ereilen. Südafrika, das mit 18.900 Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum; Weißes Nashorn) und 2.040 Spitzmaulnashörnern (Diceros bicornis; Schwarzes Nashorn), und damit 74% den weltweit größten Anteil der verbliebenen Nashornpopulationen beherbergt, hatte mit 1.116 gewilderten Exemplaren (Stand: 10. Dezember 2014) im vergangenen Jahr einen neuen traurigen Rekord zu verzeichnen. Nie zuvor seit dem Wiederaufflammen der massiven Wilderei wurden so viele Nashörner getötet – insgesamt nun schon 2.650 bekannte Fälle in den letzten 6 Jahren.

Weder die Nationalpark-Verwaltungen, noch die Besitzer großer Farmen, auf denen Nashörner eingezäunt leben, können den Wilderern Einhalt gebieten. Der Grund: seit 2007 stieg die Nachfrage nach dem Horn um über 7.000 Prozent! In den Ländern Asiens, v. a. in China und Vietnam, gilt das Horn als Heil- und Potenzmittel und erzielt Preise von bis zu 100.000 US-Dollar pro Kilogramm. In Wahrheit ist das aus Keratin bestehende Horn völlig nutzlos. Ein weiterer Teil des gewilderten Horns wird in arabischen Ländern (z. B. im Jemen) für die Griffe traditioneller Messer, der sog. Janbiya, verwendet. Auf der Suche nach Horn schrecken Kriminelle nicht einmal vor der Plünderung von Museumsbeständen zurück, wie z. B. im Jahr 2013, als ausgestopfte Nashornköpfe im Wert von einer halben Million Euro aus dem Irischen Nationalmuseum gestohlen wurden.

Das Aussterben der verbliebenen Nashörner wäre auch für den Safari- und Öko-Tourismus der Länder Afrikas eine Katastrophe. Dabei war die Nachzucht der Breitmaulnashornpopulation, die Ende des 19. Jahrhunderts schon beinahe ausgestorben war, der herausragende Erfolg des südafrikanischen Artenschutzes gewesen. Aus ein paar Dutzend Tieren war durch ein engagiertes Wiederaufzuchtprogramm der Bestand wieder auf mehrere Tausend erhöht worden. Doch nun werden sie in weniger als 10 Jahren endgültig ausgerottet sein, wenn das kriminelle Treiben der Horn-Mafia nicht gestoppt wird. Das Nördliche Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum cottoni) gilt bereits als ausgestorben. Trotz intensiver Schutz- und Zuchtbemühungen starb der letzte fortpflanzungsfähige Bulle dieser Unterart im Oktober 2014 in einem Reservat in Kenia.

Rettung durch Legalisierung des Handels?

Trotz Einsatz von Militär und Rangern in den Ländern Afrikas konnte der hochorganisierten Wilderer-Mafia, die z. T. mit Hubschraubern und Nachtsichtgeräten die Tiere in den riesigen Nationalparks aufspüren, nicht das Handwerk gelegt werden. Zwar wurden im Jahr 2013 367 Wilderer festgenommen. Doch die Überwachung von Gebieten wie dem Krüger-Nationalpark ist so aufwändig, dass große Summen benötigt werden, die die Budgets der zuständigen staatlichen Institutionen und Naturschutzorganisationen bei weitem übersteigen. Erschwerend sind auch die z. T. korrupten Strukturen. Wie in anderen Bereichen des illegalen Handels werden Bestechungsgelder gezahlt, um die erbeuteten Hörner außer Landes zu schaffen.

Angesichts der verzweifelten Lage werden nun neue Maßnahmen getroffen. In einigen Parks, z. B. in Namibia, und auf Farmen werden Nashörnern bereits die Hörner gekürzt, um den Wilderern zuvor zu kommen und so das Töten der Tiere zu verhindern. Dabei werden die Tiere vorübergehend betäubt und der obere, nicht durchblutete Teil des Horns entfernt. Die Prozedur kann etwa alle drei Jahre wiederholt werden. Darüber hinaus erwägt die südafrikanische Regierung nun, die archivierten Bestände von Rhinoceros-Horn, das z. B. früher konfisziert wurde, zu vermarkten, mit dem Ziel, den Markt zu sättigen, die Preise damit zu senken und so die Wilderei weniger lukrativ zu machen und dadurch zu reduzieren. 18 Tonnen Horn mit geschätztem Wert von 100 Mio. US-Dollar lagern in den südafrikanischen Depots. Auch die von lebenden Tieren abgenommenen Hörner könnten so verkauft werden. Die Befürworter argumentieren, dass der Erlös in den weiteren Schutz der Nashörner investiert werden kann.

Über drei Möglichkeiten der Legalisierung wird im Moment nachgedacht:

1. Verkauf und Handel des Horns (auch an der Börse) innerhalb Südafrikas. Dies birgt jedoch das Risiko, dass das Horn zum Spekulationsprodukt verkommt und Rendite vor den Belangen des Artenschutzes steht. Zudem kann dadurch weiterhin Horn auf dem illegalen Markt landen.

2. Abverkauf der Depot-Bestände. Das Problem: die Herkunft des Horns, ob legal oder illegal, wäre schwierig zu überwachen. Korruption und mangelnde Überwachung in den asiatischen Abnehmerländern würde weiterhin illegal erbeutetes Horn auf den Markt bringen. Zudem ist die Menge des legalen Horns zu gering, um die momentane Nachfrage zu befriedigen. Pro Jahr könnten 3,5 Tonnen auf den Markt gebracht werden. Die Nachfrage liegt aber bei 4.000 Tonnen! Zudem könnten dadurch sogar neue Abnehmergruppen generiert und somit die Nachfrage weiter angeheizt werden. Es ist zu erwarten, dass das Horn durch Abnehmer wieder eingelagert wird, und somit zum Spekulationsprodukt wird, was letztlich die Preise wieder nach oben treibt.

3. Schrittweiser internationaler durch die CITES (Convention on International Trade in Endangered Species; Washingtoner Artenschutzabkommen) regulierter Verkauf. Alle Nashornarten sind nach CITES geschützt. Der Handel mit Produkten von Nashörnern ist ohne entsprechende CITES-Genehmigung verboten. Zwar haben weltweit 175 Länder das CITES-Abkommen unterzeichnet. Es mangelt jedoch an der weltweiten Wirksamkeit der Kontrollmechanismen. In der Vergangenheit hat bereits der Verkauf von „legalem“ Elefanten-Elfenbein gezeigt, dass sich der Schmuggel von gewildertem Elfenbein weiterhin lohnt. Die erzielten Preise sind einfach zu hoch, um die Wilderei unlukrativ zu machen. Das illegale Abschlachten der Elefanten ging danach weiter – bis heute.

Um einen Verkauf zu erreichen, müsste Südafrika auf der CITES-Konferenz im Jahr 2016 einen überzeugenden Plan vorlegen, der den Handel regelt. Zur Annahme wäre eine Zweidrittel-Mehrheit der Mitgliedsstaaten notwendig.

Unbestritten ist: lebendige Nashörner bedeuten für den Tourismus in Afrika einen nachhaltigen Wert, der auch in Zukunft einen enormen wirtschaftlichen Nutzen für die Länder Afrikas bedeuten wird, wenn Nashörner, weitere Arten und ihre Ökosysteme überleben. Hinzu kommt die moralische Frage, ob sich Arten ihren Schutz durch den Verkauf ihrer Produkte erst „verdienen“ müssen. Es liegt am politischen Willen – und damit auch an uns. Währenddessen läuft die Uhr für die sympathischen gehörnten Kolosse ab.

Quellen:

http://www.dw.de/ohne-horn-oder-tot-die-perspektiven-der-nash%C3%B6rner/a-18137949

http://mg.co.za/article/2012-03-09-legalised-trade-is-a-cover-for-laundering-wildlife

http://www.savetherhino.org/rhino_info/poaching_statistics

http://www.savetherhino.org/rhino_info/thorny_issues/legalising_the_horn_trade

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-8270-2008-05-26.html

http://www.stoprhinopoaching.com/

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