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Der Wolf im Fadenkreuz – Irrglaube und Missverständnis eines ökologischen Erfolgsmodells

Gray/Eurasian wolf (Canis lupus)

Jahrhundertelang wurde der Wolf (Canis lupus), der nächste Verwandte unseres Haushundes, als Sinnbild einer brutalen Bestie verfolgt. Besonders seit dem Mittelalter wurden Wölfe brutal gehetzt, vergiftet, in Schlagfallen gefangen, erschossen: zunächst als Jagdbeute des Adels, im 19. Jahrhundert nach Abschaffung der Jagdprivilegien als Gefahr für das Vieh. Einst über nahezu ganz Eurasien und Nordamerika verbreitet, machte ihm die gnadenlose Verfolgung schließlich in vielen Gebieten den Garaus. Vor etwa 150 Jahren wurde der Wolf in Deutschland ausgerottet. Zwar wurden bis 1900 noch einzelne Tiere erlegt, doch Wolfsrudel konnten sich nicht mehr etablieren. Und obwohl der Wolf in der Bundesrepublik seit 1985 unter Artenschutz steht, wurden immer wieder einwandernde Wölfe entweder von Jägern erschossen – meist mit der Begründung, das Tier sei mit einem Haushund verwechselt worden – oder kamen im Straßenverkehr um.

Erst ab 1998 siedelte sich ein aus Polen eingewandertes Wolfspaar erfolgreich in der Oberlausitz an und gründete ein Rudel. Seitdem wanderten die Wölfe weiter westwärts, und kommen heute in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen vor. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 25 Rudel, 8 weitere Wolfspaare sowie 3 Einzelwölfe gezählt. Die Rückkehr des Wolfes wird damit als großer Erfolg für den Artenschutz gefeiert. Zudem werden die Wolfspopulationen wissenschaftlich von verschiedenen Instituten und Organisationen begleitet. Die Streifgebiete der Wölfe erstrecken sich in der Lausitz auf bis zu 672 Quadratkilometer; nachts legen sie Strecken von etwa 20 km zurück.

Aufgrund ihrer Scheu vor dem Menschen siedeln sich die Wölfe in Deutschland bevorzugt auf (ehemaligen) Truppenübungsplätzen an, wo Zusammentreffen relativ selten sind. Und obwohl der Großteil der Bevölkerung dem Wolf positiv gegenüber steht und seinen Schutz befürwortet, herrscht bei bestimmten Interessengruppen immer noch das antiquierte Bild von der „bösen Bestie“ Wolf vor, der Haustiere reißt und angeblich die Bestände anderer Wildtiere bedroht. So sehen weite Teile der Jägerschaft und ihrer Lobbyisten die Reh-, Rothirsch- und Hasenbestände bedroht. Und Nutzviehhalter und Schäfer in von Wölfen besiedelten Gebieten fürchten um ihre Herden. Tatsächlich wurden seit 2002 Angriffe von Wölfen auf Vieh registriert. 2014 wurden in Niedersachsen und Sachsen jeweils zwischen 50 und 60 Schafe gerissen.

Nun forderte der Sprecher der Niedersächsischen Schäfer, Wendelin Schmücker, bei Ministerpräsident Stephan Weil den Abschuss aller Wölfe. Schafe hätten wesentlich unsere heutige Kulturlandschaft geprägt und müssten vor dem Wolf geschützt werden. Der Wolf sei ein Schädling und gehöre nicht in unsere Landschaft. Die Argumentation des Schäfers gehört jedoch eher in die düstere Zeit des Mittelalters, und verkennt die wissenschaftliche Faktenlage. Erstens war in fast der Hälfte der Fälle von nachgewiesenen Wolfsübergriffen auf Schafe das Vieh unzureichend geschützt. Darüber hinaus belegen wissenschaftliche Studien, dass Haustiere nur einen sehr marginalen Anteil am Nahrungsspektrum des Wolfes ausmachen. Zudem haben Wölfe äußerst positive Effekte für das Funktionieren von Ökosystemen – und diese Mechanismen wirken auch in unseren heimischen Wäldern. Nach Untersuchungen von Kotproben durch das Senckenberg Museum für Naturkunde setzt sich die Nahrung der Lausitzer Wölfe vor allem aus Rehwild (Capreolus capreolus; 52,6% der Biomasse), Rotwild (Cervus elaphus; 21,3%) und Wildschweinen (Sus scrofa; 18,3%) sowie geringen Anteilen weiterer Wirbeltiere und Früchte zusammen. Insbesondere beim Rotwild erbeuten Wölfe zu 70% Jungtiere, und üben damit als Top-Prädator eine wichtige Funktion zur Populationsregulation aus. Zudem werden v. a. schwache und kranke Tiere erbeutet, was zur Gesunderhaltung der Bestände beiträgt. Haustiere machen hingegen nur 0,6 bis 0,75% der Beute aus.

Besonders eindrucksvoll wurde die Rolle des Wolfes als Ökosystemingenieur im Yellowstone-Nationalpark in den Vereinigten Staaten belegt. Seit 1995 wurden dort Wölfe wieder eingebürgert. Durch die Reduzierung der Wapiti-Hirsch-Population (Cervus canadensis), der bevorzugten Beute des Wolfes dort, wurde der Verbiss an verschiedenen Baumarten um 75% reduziert. Dabei beeinflussten die Wölfe auch das Verhalten der Hirsche, die ihrem natürlichen Fressfeind durch eine veränderte Habitatwahl auswichen. Andererseits nahmen die Bestände von Biber (Caster canadensis) und Bison (Bison bison) zu, vermutlich aufgrund der verringerten Konkurrenz mit Hirschen und der größeren Verfügbarkeit von Gehölzen und krautigen Nahrungspflanzen. Auch wenn die Reduzierung der Verbissschäden nicht für alle Baumarten eindeutig auf den Effekt der Wölfe zurück geführt werden konnte, so haben die Wölfe doch entscheidend dazu beigetragen, dass sich das Ökosystem wieder in Richtung seines natürlichen Zustands verändert hat.

Auch in Europa und in Deutschland kann der Wolf seine Rolle als natürlicher Regulator seiner Beutepopulationen ausüben. Untersuchungen aus europäischen Waldökosystemen, z. B. des Bialowieza-Waldes in Polen, konnten den regulierenden Einfluss des Wolfes auf seine Beutepopulationen aufzeigen, ohne jedoch die Hirsch- und Rehpopulationen zusammenbrechen zu lassen. Die Sorge der Jägerschaft, die um die Wilddichte in ihren Revieren bangt, ist daher genauso unbegründet wie die Angst vor der Bestie Wolf. Der sachgerechte Schutz von Haustieren in Wolfsgebieten wird zudem subventioniert und Ausgleichszahlungen bei Wolfsangriffen auf Nutz- und Haustiere von den Ländern geleistet. Trotz Anstieg der Wolfspopulation konnte bisher kein ansteigender Trend der Schäden an Nutztieren ausgemacht werden. Dennoch herrscht in weiten Kreisen immer noch Angst und Hass auf den Wolf vor. Umweltverbände wie der NABU versuchen diesem durch Aufklärungsarbeit und die Entwicklung eines länderübergreifenden Wolfs-Managements in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern entgegenzuwirken.

Seit der Rückkehr der Wölfe wurden 12 von ihnen illegal abgeschossen. Die Obduktionen zeigten, dass sie z. T. mehrfach beschossen wurden. Um Versehen handelt es sich in vielen Fällen wohl nicht. Trotz Gerichtsverfahren fielen die meisten Strafen für die Jäger jedoch milde aus. Seit 2006 wurden zudem mindestens 17 Wölfe Opfer des Straßenverkehrs. Seit über 100.000 Jahren hatte der Wolf seine Nische in den europäischen Ökosystemen – bevor der Mensch ihm grausam zuleibe rückte. Nur 20.000 Wölfe haben in Europa überlebt, oft in isolierten Populationen. Und obwohl er durch internationale und nationale Artenschutzabkommen und Gesetze geschützt ist, machen wir es ihm schwer, seinen angestammten Platz wieder einzunehmen. Der Wolf ist kein Schädling, und alle derartigen Behauptungen zeugen von Ignoranz und Unwissenheit gegenüber einem der erfolgreichsten und anpassungsfähigsten Beutegreifer. Die Rückkehr des Wolfes ist ein Erfolg des Artenschutzes. Doch der Wolf meisterte es selbst, ohne unser großes Zutun.

Lassen wir ihm die Chance zum Überleben!

Quellen:
Creel S., Christianson D. (2009). Wolf presence and increased willow consumption by Yellowstone elk: implications for trophic cascades. Ecology 90:2454–2466. http://dx.doi.org/10.1890/08-2017.1
Fortin D., Beyer H. L., Boyce M. S., Smith D. W., Duchesne T., Mao J. S. (2005). Wolves influence elk movements: behavior shapes a trophic cascade in Yellowstone National Park. Ecology 86:1320–1330. http://dx.doi.org/10.1890/04-0953
http://www.lausitz-wolf.de/index.php?id=953
http://www.mopo.de/nachrichten/angst-um-seine-herde-harburger-schaefer—schiesst-die-woelfe-ab–,5067140,28760500.html
https://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf/
http://www.wolfsregion-lausitz.de/index.php/verbreitung
Jędrzejewski W., Schmidt K., Theuerkauf J., Jędrzejewska B., Selva N., Zub K., Szymura L. (2002).Kill Rates and Predation by Wolves on Ungulate Populations in Białowieża Primeval Forest (Poland). Ecology 83: 1341-1356.
Ripple W. J, Beschta, R. L. (2012). Trophic cascades in Yellowstone: The first 15 years after wolf reintroduction. Biological Conservation 145:205-213
Zimen, E. (2003). Der Wolf: Verhalten, Ökologie und Mythos. Kosmos, 2003.

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